Spirituelles Gaslighting und Spiritual Bypassing – ein Thema, welches Aufmerksamkeit verlangt!

In letzter Zeit beschäftigt mich ein Thema immer stärker: Wie gehen wir als spirituell ausgerichtete Menschen eigentlich miteinander um?

Vielleicht auch deshalb, weil ich selbst schwierige zwölf Monate hinter mir habe. Ich habe meine Mutter verloren, berufliche und persönliche Herausforderungen erlebt und musste mich von Vorstellungen und Plänen verabschieden, in die ich viel Herz und Vertrauen investiert hatte.

Dabei habe ich etwas erlebt, das mich nachdenklich gemacht hat.

Nicht nur die schwierigen Erfahrungen selbst waren herausfordernd. Manchmal waren es auch die Reaktionen darauf.

Statt eines einfachen „Wie geht es dir?“, „Das tut mir leid“ oder „Ich kann verstehen, dass dich das traurig macht“ begegneten mir Aussagen wie:

„Da musst du wohl noch etwas lernen.“

„Du musst dein Herz mehr öffnen.“

„Was hat das mit dir zu tun?“

Oder es wurde hinterfragt, ob meine Wahrnehmung richtig gewesen sei, wenn ich einen Menschen oder eine Situation anders eingeschätzt hatte.

Natürlich kann man solche Fragen stellen. Auch ich arbeite seit vielen Jahren mit Selbstreflexion und Eigenverantwortung. Sie gehören für mich zu persönlicher und spiritueller Entwicklung.

Aber ich habe begonnen, mich zu fragen:

Wann hilft uns eine spirituelle Sichtweise – und wann benutzen wir Spiritualität, um das ganz normale Menschliche nicht mehr sehen zu müssen?

Mir ist dabei wichtig: Was ich hier schreibe, ist meine persönliche Sicht und meine Erfahrung. Ich möchte niemandem erklären, wie Spiritualität „richtig“ geht. Ich möchte auf etwas aufmerksam machen, das mir zunehmend begegnet und von dem ich glaube, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen.

Spirituelles Gaslighting und Spiritual Bypassing

Für das, was ich beobachtet und teilweise selbst erlebt habe, gibt es Begriffe: Spirituelles Gaslighting und Spiritual Bypassing.

Spirituelles Gaslighting bedeutet vereinfacht gesagt, den Gefühlen, Wahrnehmungen oder Erfahrungen eines Menschen keinen Raum zu geben oder sie durch spirituelle Argumente infrage zu stellen.

Nicht jede unpassende oder verletzende spirituelle Aussage ist automatisch Gaslighting oder wird bewusst als diese gemacht. Trotzdem können spirituelle Überzeugungen dazu benutzt werden, die Wahrnehmung und die Gefühle eines anderen Menschen infrage zu stellen.

Ein Mensch sagt:

„Das hat mich sehr verletzt.“

Und bekommt zur Antwort:

„Dann hast du wohl noch etwas zu lernen.“

Jemand setzt eine Grenze und hört:

„Du solltest dein Herz mehr öffnen.“

Jemand erzählt von einer schwierigen Erfahrung und wird sofort gefragt:

„Was hat das mit dir zu tun?“

Plötzlich geht es nicht mehr darum, was geschehen ist, sondern darum, was mit dem Menschen angeblich noch nicht stimmt.

Spiritual Bypassing geht für mich in eine ähnliche Richtung. Es beschreibt das Umgehen oder Überdecken schwieriger Gefühle und Erfahrungen durch spirituelle Erklärungen:

Es wird schon seinen Grund haben.

Du hast dir diese Erfahrung ausgesucht.

Du musst mit dem Fluss des Lebens gehen.

Es ist deine Lernaufgabe.

Vielleicht steckt in manchen dieser Gedanken sogar etwas Wertvolles. Vielleicht kommt irgendwann auch der Zeitpunkt, an dem genau solche Fragen hilfreich sein können.

Aber manchmal braucht ein Mensch zuerst etwas ganz anderes:

Mitgefühl.

Nicht alles, was spirituell klingt, ist auch mitfühlend. Und nicht alles, was zur „Eigenverantwortung“ erklärt wird, liegt tatsächlich in unserer Verantwortung.

Eigenverantwortung ist nicht Alleinverantwortung

Eigenverantwortung ist für mich ein wichtiger Bestandteil persönlicher und spiritueller Entwicklung.

Ich kann mich fragen, welchen Anteil ich an einer Situation habe. Ich kann meine Entscheidungen hinterfragen, meine Reaktionen anschauen und überlegen, was ich vielleicht beim nächsten Mal anders machen möchte.

Doch eine zwischenmenschliche Situation besteht selten nur aus einem Menschen.

Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte, seine Wahrnehmung, seine Entscheidungen und seine Verantwortung mit.

Deshalb bedeutet Eigenverantwortung für mich nicht, automatisch die Verantwortung für das gesamte Geschehen bei mir selbst zu suchen.

Manchmal haben wir etwas falsch eingeschätzt. Manchmal haben wir etwas nicht gesehen. Manchmal würden wir im Nachhinein anders entscheiden.

Und manchmal trifft ein anderer Mensch schlicht eine Entscheidung, die uns verletzt oder traurig macht.

Auch das gehört zum Leben.

Nicht jede schmerzhafte Erfahrung ist deshalb der Beweis dafür, dass wir etwas falsch gemacht, falsch wahrgenommen oder noch nicht genügend gelernt haben.

Vielleicht dürfen manchmal sogar zwei Dinge gleichzeitig wahr sein:

Ich kann meinen eigenen Anteil anschauen – und trotzdem anerkennen, dass auch der andere Mensch für sein Handeln verantwortlich ist.

Für mich ist genau das Eigenverantwortung: den eigenen Teil anzuschauen, ohne automatisch auch den Teil des anderen zu übernehmen.

Wenn Selbstverwirklichung den Respekt verliert

Wir sprechen als spirituell ausgerichtete Menschen viel davon, authentisch zu sein, seinen eigenen Weg zu gehen, seine Wahrheit auszusprechen, Grenzen zu setzen und sich selbst zu verwirklichen.

Das sind sogar Aussagen, die ich selbst immer wieder mache und die mir wichtig sind.

Aber für mich gehört etwas Entscheidendes dazu:

Respekt.

„Ich sage nur meine Wahrheit“ darf für mich nicht bedeuten, dass ich einem anderen Menschen alles an den Kopf werfen kann.

„Ich gehe den Herzensweg“ bedeutet nicht automatisch, dass alles, was ich sage, liebevoll ist.

Und „Du kannst es annehmen oder nicht“ entbindet mich nicht von der Verantwortung dafür, wie ich mit einem Menschen spreche.

Natürlich dürfen wir einander kritisieren und Feedback geben – es ist sogar sehr wichtig im gegenseitigen Umgang.

Wenn ich mich beispielsweise in einem Gespräch sehr mit meinem eigenen Kummer beschäftige und mein Gegenüber dabei zu wenig wahrgenommen habe, darf dieser Mensch mir sagen:

„Ich hätte mir gewünscht, dass du auch nach mir fragst.“

Das ist eine ehrliche Rückmeldung.

Etwas anderes ist es für mich, daraus eine Beurteilung des ganzen Menschen zu machen:

Dein Ego ist immer noch zu stark.

Du bist oberflächlich.

Du bist vom Weg abgekommen und solltest es besser wissen.

Dein Herz ist geschlossen statt offen.

Eine spirituelle Verpackung macht eine Abwertung nicht automatisch zu einer liebevollen Botschaft.

Vielleicht sollten wir uns deshalb nicht nur fragen:

„Darf ich meine Wahrheit sagen?“

Sondern auch:

„Wie gehe ich mit einem Menschen um, während ich meine Wahrheit sage?“

Denn für mich gehören Bewusstsein, Ehrlichkeit und Respekt zusammen.

Wenn wir von uns selbst spirituelle Perfektion erwarten

Spirituelles Gaslighting und Spiritual Bypassing können sich nicht nur im Umgang mit anderen zeigen. Wir können diese Mechanismen auch gegen uns selbst richten.

Wenn wir von uns selbst spirituelle Perfektion erwarten, setzen wir uns möglicherweise unter Druck, einem bestimmten spirituellen Ideal entsprechen zu müssen. Wir glauben, wir müssten aufgrund unserer Entwicklung anders fühlen, anders reagieren oder längst über bestimmte Gefühle hinausgewachsen sein.

Ich dürfte nicht wütend sein.

Ich müsste längst über so etwas stehen.

Ich sollte dankbarer sein.

Wenn ich wirklich im Vertrauen wäre, hätte ich keine Angst.

Wenn ich spirituell weiter wäre, würde mich das nicht so verletzen.

Ich müsste mein Herz mehr öffnen.

So kann persönliche Entwicklung irgendwann zu einer ständigen Selbstkontrolle werden.

Bin ich liebevoll genug?

Bin ich bewusst genug?

Habe ich genügend vergeben?

Bin ich wirklich in meiner Mitte?

Dabei dürfen wir etwas nicht vergessen:

Wir dürfen Mensch sein.

Wir dürfen traurig sein.

Wir dürfen enttäuscht sein.

Wir dürfen überfordert sein.

Wir dürfen wütend sein.

Wir dürfen uns irren.

Wir dürfen Grenzen setzen.

Wir dürfen einen Menschen lieben und trotzdem Nein sagen.

In manchen Situationen dürfen wir zuerst einfach Mensch sein und brauchen vor allem menschliche Wärme, Liebe und Unterstützung.

Für mich bedeutet Bodenständigkeit genau das: Spiritualität nicht dazu zu benutzen, unser Menschsein zu überwinden.

Nicht jede Überforderung und jeder Schmerz braucht sofort eine Erklärung.

Das ist etwas, das für mich in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden ist.

Wenn ein Mensch trauert, müssen wir ihm nicht sofort erklären, warum seine Seele diese Erfahrung gewählt hat.

Wenn jemand enttäuscht oder verletzt wurde, müssen wir nicht sofort seine Lernaufgabe darin suchen.

Und wir müssen ihn nicht als Erstes fragen, was er selbst dazu beigetragen hat.

Es braucht zunächst keine Erklärung und keine Analyse.

Manchmal dürfen wir einfach zuhören, trösten und dem anderen zeigen, dass wir seinen Schmerz wahrnehmen.

„Ich sehe, dass dich das sehr bewegt.“

„Ich kann verstehen, dass das für dich schwierig ist.“

„Das muss gerade sehr weh tun.“

Vielleicht bedeutet Mitgefühl manchmal genau das: den Schmerz eines anderen nicht erklären zu wollen, sondern einfach einen Moment für ihn da zu sein.

Später kann die Zeit kommen, in der wir reflektieren.

Vielleicht erkennen wir tatsächlich ein Muster.

Vielleicht lernen wir etwas Wichtiges.

Vielleicht verändert eine Erfahrung sogar unser Leben.

Aber wir müssen einen Menschen nicht sofort aus seiner Herausforderung oder seinem Schmerz herausentwickeln.

Mitgefühl und Selbstreflexion schließen sich nicht aus. Die Reihenfolge kann jedoch einen großen Unterschied machen.

Eine Spiritualität, die wieder das sein darf, was Spiritualität für mich bedeutet: Liebe, Mitgefühl und Verbindung.

Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich glaube, die Wahrheit über Spiritualität zu besitzen.

Auch nach vielen Jahren meiner Arbeit lerne ich weiter. Ich hinterfrage mich, mache Fehler, ändere meine Meinung und darf mich entwickeln.

Aber vielleicht sollten gerade wir Menschen, die uns intensiv mit Spiritualität beschäftigen, immer wieder auch unsere spirituelle Sprache und unseren Umgang miteinander hinterfragen.

Nicht nur:

Ist das spirituell richtig?

Sondern:

Ist es auch menschlich?

Nicht nur:

Welche Lernaufgabe hat dieser Mensch?

Sondern:

Braucht er gerade überhaupt eine Antwort – oder braucht er Mitgefühl?

Und vielleicht gibt es eine ganz einfache Frage, die wir uns stellen können, bevor wir auf den Schmerz, die Trauer oder die Herausforderungen eines anderen Menschen reagieren:

Wie möchte ich selbst in einer solchen Situation spirituell abgeholt werden?

Vielleicht verändert allein diese Frage bereits unsere Antwort.

Dieser Text ist deshalb für mich weniger eine Kritik an der Spiritualität als eine Einladung an uns alle, die wir uns mit ihr beschäftigen.

Eine Einladung, genauer hinzuschauen.

Auf unsere Worte.

Auf unsere Urteile.

Auf unseren Umgang miteinander.

Und auch darauf, wie streng wir manchmal mit uns selbst geworden sind.

Vielleicht zeigt sich gelebte Spiritualität gerade darin, zu spüren, was für einen Menschen in diesem Moment wirklich dienlich ist, wenn er gerade nicht stark, nicht in seiner Mitte und nicht voller Vertrauen ist – eine spirituelle Erklärung oder einfach Liebe, Mitgefühl und Verbindung.

Denn für mich liegt genau darin der tiefste Kern von Spiritualität:

Liebe. Mitgefühl. Verbindung.

Ich wünsche dir eine gute Zeit und hoffe, dass ich dir mit diesem Impuls etwas mitgeben konnte zum Nachdenken.

Herzlich

Barbara

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